Liuto forte in d (“Bach-Laute”)

Repertoire: sämtliche Lautenkompositionen Johann Sebastian Bachs in ihrer rekonstruierten Urfassung, sämtliche Kompositionen für d-moll-Laute von 1630–1800 (unter Berücksichtigung der erweiterten Stimmung der Bach-Laute), Musik des 19.-21. Jahrhunderts, Begleitstimmen der beiden Arien in Johannes- und Matthäus-Passion

14-saitig, Grundstimmung:
A B C D E F G A B d f a d‘ f‘

Saitendisposition: 12 Griffbrettsaiten und 2 Bordunsaiten (BWV 996, 999, 1000 und 1006a sowie zwei Passions-Arien) 

16-saitig, Grundstimmung:
E (oder Des) A B C D Es F G A B c d f a d‘ f‘

Saitendisposition:10 Griffbrettsaiten und 6 Bordunsaiten (BWV 995, 997, 998) Die Saitendisposition des 14-saitigen Instrumentes ist auch auf dem 16-saitigen realisierbar, da es über 12 Wirbel im ersten Wirbelkasten und 6 Wirbel im zweiten Wirbelkasten verfügt. Die Grundstimmung des 14-saitigen Instrumentes kann durch Saitenwechsel oder Scordatur auch auf dem 16-saitigen Instrument realisiert werden.

  • Mensur Griffbrettsaiten 59 cm, Mensur Bordunsaiten 84 cm
  • a’ = 440 Hz
  • Einzelbesaitung
  • leichte Griffbrettwölbung
  • 16 Festbünde (bewegliche Bünde auf Wunsch)
  • Eine Rosette, breiterer Korpus, 15-spänig
  • klassische oder mechanische Wirbel

Johann Sebastian Bachs Laute war – den grifftechnischen Strukturen seiner Werke nach zu urteilen – ein kleinmensuriertes Instrument mit einer Länge der Griffbrettsaiten von maximal 60 cm. Solche Mensuren weisen z.B. die meisten der erhaltenen double-head-Lauten des 17. Jahrhunderts mit zwölf Chören in d-moll-Stimmung auf.

Im Gegensatz zu den von S. L. Weiß benutzten Lautenmodellen mit Korpora einer Tenor- oder Baßlaute entsprach die Korpusgröße von Instrumenten mit Saitenlänge um 60 cm jedoch jener der deutlich kleineren Altlaute des 16. Jahrhunderts.

Trotzdem scheidet die double-head-Laute aufgrund ihrer zu geringen Halsbreite und des direkt am Hals angesetzten zweiten Wirbelkastens von vornherein als „Bach-Laute“ aus, da die korrekte Ausführung von BWV 996 und 1006a ein mit 14 Einzelsaiten bezogenes Instrument voraussetzt, dessen zwölfte Saite C noch auf dem Griffbrett liegt, während die 13. und 14. Saite Bordune sind.

Bach bediente sich zwar der traditionellen d-moll-Stimmung einer 12-chörigen Laute, verzichtete jedoch auf die Doppelbesaitung und fügte dieser Stimmung zunächst eine zusätzliche, in B gestimmte Saite in sechster Position sowie ein Kontra A hinzu. In dieser Stimmung ist BWV 996 in d-moll-Greifweise absolut notengetreu ausführbar, ebenso BWV 1006a, das jedoch die Scordatur cis e a cis’ e’ sowie eine Umstimmung der B-Saite nach H verlangt. In BWV 999 und 995 wurde die B-saite nach c gestimmt, wobei BWV 995 bereits das 16-saitige Instrument mit einem zusätzlichen Kontra G voraussetzt. BWV 997 und 998 verlangen schließlich sowohl eine freie c- wie auch eine freie B-Saite die dadurch zur siebten Saite wurde. Diese Neuerung erweiterte die Möglichkeiten makelloser polyphoner Stimmführung in den Mittellagen ganz erheblich und ist einer der Hauptgründe, warum jeder Versuch einer notengetreuen Wiedergabe der Bachschen Lautenkompositionen in der traditionellen d-moll-Stimmung von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Ein weiterer potentieller Kandidat für die Besaitung einer Laute in Bachs Stimmung für BWV 996 und 1006a wäre die durchweg mit Einzelsaiten bezogene, 16-saitige Angélique. Dieses Instrument, dessen erhaltene Exemplare Mensuren zwischen 67 und 71cm auf dem Griffbrett aufweisen, wurde ikonographischen Zeugnissen zufolge auch mit deutlich kleineren Saitenlängen gebaut. Allerdings ist sein für nur 10 Griffbrettsaiten ausgelegter Hals definitiv zu schmal für die zur Wiedergabe von BWV 996 und 1006a erforderliche Disposition des Instrumentes mit 12 Griffbrett- und 2 Bordunsaiten.

Abb: Angélique von Johann Christoph Fleischer, Hamburg o.J., Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern (Schwerin)
Quelle: Fotodesign Klose, Schwerin

Das einzige damals verfügbare Lautenmodell, das über eine Halsbreite verfügte, die eine Besaitung mit 12 Griffbrettsaiten gestattete und Mensuren der Spielsaiten um 60 cm aufwies, war der 14-chörige Liuto attiorbato.

Abb: Liuto attiorbato, 17. Jhd., mit originalem Hals, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erzlaute

Dieses Instrument besaß traditionell zwar nur 7 Griffbrettchöre, sein unterer Wirbelkasten war aufgrund der Halskonstruktion jedoch so breit, dass dessen linke Wange – wie bei der Angélique üblich – problemlos ausgestochen werden konnte, um Platz für zusätzliche Griffbrettsaiten zu schaffen. Der auf Doppelsaiten ausgelegte Steg des Instrumentes blieb dabei der alte, es wurde lediglich die obere Saite eines jeden Chores weggelassen und die ursprüngliche g-Stimmung des Liuto attiorbato in eine modifizierte d-moll-Stimmung umgewandelt. Ein so besaitetes Instrument erlaubt als einziges unter allen damals verfügbaren Lautenmodellen die korrekte Wiedergabe von BWV 996 und 1006a (mit Scordatur).

Spätestens im Jahr 1727 scheint Johann Sebastian Bachs bis dahin nur mit 14 Einzelsaiten ausgestattet Laute in Leipzig einem Umbau unterzogen worden zu sein. Die Werke 995, 997 und 998 erfordern ein 16-saitiges Instrument mit 10 Griffbrettsaiten und 6 Bordunen, also der klassischen Saitendisposition einer Angélique. Dies legt den Verdacht nahe, dass der Auftraggeber für BWV 995, 997 und 998 Spieler eines solchen, allerdings kleinmensurierten Instrumentes war, es aber nicht in der diatonischen Stimmung einer Angélique, sondern in der oben erwähnten modifizierten d-moll-Stimmung mit Einzelsaiten benutzte. Die in dieser Stimmung „überschüssige“ 16. Saite wurde dabei für einen Ton genutzt, der außerhalb der tonartgemäßen Einstimmung der Baßsaiten des Instrumentes lag. Bei BWV 995 und 997 handelt es sich dabei um den Ton E (zusätzlich zur regulären Baßsaite in Es), der in BWV 995 nur einmal (Sarabande) und in BWV 997 zweimal vorkommt (Double). Für die Ausführung von BWV 998 wurde diese zusätzlich hinzugefügte 16 Saite nach Des herabgestimmt und im ganzen Stück nur einmal benutzt (Allegro). Diese alterierten Baßtöne klingen an den betreffenden Stellen höchst reizvoll, wurden ganz bewusst einkomponiert und würden durch Oktavierung nach oben nicht nur J. S. Bachs makellose Stimmführung verfälschen, sondern auch viel von ihrer Wirkung einbüßen.

Damit sowohl Bachs Kompositionen für das 14-saitige Instrument mit 12 Griffbrettsaiten als auch jene für das Modell mit Schwanenhals und nur 10 Griffbrettsaiten auf demselben Instrument wiedergegeben werden können, hat unsere 16-saitige Bach-Laute 12 Wirbel im ersten und 6 im zweiten Wirbelkasten des Schwanenhalses. Dadurch steht es den Spielern frei, zwecks korrekter Wiedergabe von Bachs Lautenwerken von beiden Besaitungsformen Gebrauch zu machen.

Siehe auch: Bach-Lautenwerke.de

Klangbeispiele

Bitte beachten Sie, dass bei den nachfolgenden Aufnahmen mit Liuti forti kein Unterschied zwischen dem Klang des Instrumentes in der Aufnahme und dem Klang des Instrumentes im Original besteht. Vergleichen Sie bei Bedarf den Klang der jeweiligen Stücke mit Aufnahmen desselben Stückes auf Kopien historischer Lauten, die im Internet zu finden sind.

J. S. Bach „Gavotta“ g-moll aus BWV 995
Oliver Holzenburg, Schweiz
Liuto forte in d (Bachlaute)